Ikaria – Sehnsuchtsmagnet der Seele

Ikaria! Allein der Name dieser sagenumworbenen Insel löst bei ganz vielen Menschen, denen ich begegnete, ein Lachen und eine sanfte Sehnsucht aus. Sie geraten dann schnell ins Schwärmen:

„Ach, diese Insel, in der keiner gestresst ist? Wo alle zueinander halten und die Menschen glücklich 100 Jahre alt werden?“ So lauten die Klischees. So in etwa kennen die meisten Ikaria, aber nur vom Hörensagen.

Ein solches Leben erscheint einerseits so anziehend aber auch auch so dermaßen anders als der Alltag fast aller Menschen, dass sie mich im gleichen Atemzug auch fragen: „Stimmt das denn? Ist das Leben auf Ikaria so ohne Stress und mit dieser Gemeinschaft?“ Bislang antwortete ich so: „Ich weiß es nicht, möchte ich aber herausfinden“.

Auch ich bin von solch einer Art des Miteinanderlebens fasziniert und möchte auf dieser Reise genau dieser Frage nachgehen:

Ikaria – wie ist das Leben dort wirklich? Das möchte ich auf dieser Reise herausfinden. Ich habe mir dafür 10 Tage Zeit genommen und extra bis zum September gewartet, um ausserhalb der touristischen Hauptsaison Ikaria kennenzulernen.

Die Anreise über Athen

Anreise Ikaria über Flughafen von Athen_Platon Kiriazidis
Schlaflos habe ich eine lange Wartezeit am Flughafen vor mir

Ich nehme mitternachts den Nachtbus von Katerini nach Athen, er fährt gewöhnlich um die 5h bis zum Busbahnhof. Wi-Fi und Filme werden neuerdings auf diesem Linienbussen gezeigt. Heute läuft der Film „The Island“, ich kann mir ein leichtes Schmuntzeln nicht verkneifen. Wir kommen um 5:30 morgens in Athen an und der Fahrer lässt uns direkt an einer Metro-Station heraus. Von hier aus sind es rund noch ca. 1h Fahrt bis zum Flughafen.

Die Metro ist noch vor 6:00 voll und die Gesichter der Athener so richtig leer. Am Flughafen angekommen, bin ich auch erschöpft vom Schlafmangel und soll noch etwa bis zum Abflug um 12:55 warten. Mit etwas Verspätung sitze ich dann später in einem kleinen Flugzeug für etwa 70-80 Passagiere, das gut gefüllt ist.

Flug nach Ikaria_Platon Kiriazidis
Überwiegend ältere Menschen wählen das Flugzeug nach Ikaria

Mein Sitznachbar ist das neunte mal nun beruflich auf Ikaria und schwärmt vor allem von den Festen der Inselbewohner, genannt Panigiria. Heute nachmittag steigen zwei davon auf Ikaria, das geht ständig so im Sommer hier, erklärt er mir.

Er erzählt mir weiterhin, dass aufgrund der starken Winde auf Ikaria, die Landungen zu den gefährlichsten in Griechenland zählen. Nicht umsonst wäre Ikarus der Sage nach ausgerechnet hier zu Fall gekommen.

Ikaria Landschaft Berge_Platon Kiriazidis
Ikarias  Landschaft:  steile schroffe Berge

Heute verläuft die Landung jedoch reibungslos und schon einige Minuten später sitze ich im gemieteten Auto unterwegs zum meinem Zimmer, das allerdings auf der genau gegenüberliegenden Nordwestlichen Seite liegt. Die Fahrt dahin ist echt nicht ohne. Die Straßen sind sehr steil, eng und sehr kurvig, die Abgründe nah. Für etwa 22km brauche ich in etwa 1,5 h Fahrtzeit, aber es ist einfach zu gefährlich hier schnell zu fahren. Einige Motorradfahrer tun es aber trotzdem.

Ich bin schweißnass, erschöpft aber heilfroh und glücklich dann etwa um 17:00 Ortszeit endlich in meinem Zimmer in Gialiskari angekommen zu sein. Die Anreise nach Ikaria kann schon ein Abenteuer sein.

Meine ersten Eindrücke

Ikaria Landschaft Berge_Platon Kiriazidis
Ikaria Landschaft Berge_Platon Kiriazidis

Die Insel ist sehr bergig und felsig und hat wenig Bäume im Vergleich zu Skopelos, wo es vor Grün nur so wimmelt. Die Farben der Insel sind vorwiegend Brauntöne und ein sanfteres Blau, als ich das von vielen anderen griechischen Inseln gewohnt bin.

Evdilos auf Ikaria_Platon Kiriazidis
Dorfbild von Evdilos auf Ikaria

Die Bauweise der Häuser ist überwiegend einfach, ohne gedeckte Dächer und unterscheidet sich nicht von Restgriechenland. Die Menschen allerdings scheinen tatsächlich anders zu sein. Was mir sofort auffällt ist, dass die Ikarioten einen etwas „herberen“ Eindruck machen. Sie scheinen eine Art Scheu oder Vorsicht vor Fremden zu haben.

Manche grüßen nicht zurück, wenn man Ihnen Guten Tag wünscht. Das ist mir neu in Griechenland. Untereinander sind sie eher laut, direkt, aber herzlich und necken sich gerne verbal. Das mach ich auch gerne.

Was auch auffällt: Fast keiner ist mit seinem Handy beschäftigt, auch die Jugendlichen nicht. Die unterhalten sich lieber untereinander oder starren lieber herum als auf das Handy zu starren. Ich bin mal gespannt, ob es mir gelingen wird, einige Inselbewohner kennen zu lernen.

Meine ersten Erlebnisse

meine tägliche hungrige Freundin in meinem Café in Gialiskari_Platon Kiriazidis
meine hungrige Freundin in meinem Café in Gialiskari, Ikaria

Am ersten Morgen in Gialiskari auf Ikaria reden alle Ikarioten in meinem Cafe um die Ecke über die gestrigen zwei Panigiria (Einzahl: Panigiri). Es gab anscheinend einen sehr guten Wein und es ging bis heute früh um 7:00. Feier-Kondition haben sie!

Ich habe tatsächlich ein erstes lockeres Gespräch mir der Cafe-Bedienung. Sie hat allerdings auch lange in Athen gelebt und kennt uns “Fremde” besser. Sie hat mir einige gute Tipps gegeben und auch das nächste Panigiri angesagt.

Dank Anna Avramidous Ratschläge, habe ich ein Zimmer gemietet auf der nordwestlichen Seite der Insel. Hier befinden sich die meisten Strände und hier ist das „echte“ Ikaria, wie mir gesagt wird.

Anna kenne ich bislang nur über Facebook. Sie ist vor einigen Jahren aus Deutschland mit ihrem griechischen Ehemann und ihrem Sohn nach Ikaria gezogen. Wir wollen uns auf eins der Panigiria demnächt kennen lernen.

Mesakti Beach

Mesakti Beach Ikaria_Platon Kiriazidis
Mesakti Beach Ikaria

Auf der Nordwestseite Ikarias befindet sich auch der Hauptstrand der Insel, Mesakti Beach. Hier gibt es zwei Beachbars und eine Surfschule. Als ich den Strand komplett ablaufe, fällt mir auf, dass auf der rechten Strandseite einige Fkk betreiben.

Hier liegt auch ein langhaariger und massiv tättowierter Mann am Strand. Eine ältere deutsche Dame erkennt ihn als sie gerade schwimmen gehen will, dreht sich um und ruft laut zurück zu ihrer Freundin: „Dort ist das nackte Monster“. Stille.

Felsen Mesakti Beach Ikaria_Platon Kiriazidis
“No FKK” in roter Farbe bei einem Felsen Mesakti Beach

Als ich dieser Szenerie entkommen will, sehe ich einen Felsen direkt hinter dem FKK-Strandabschnitt auf dem geschrieben steht: No FKK. Offensichtlich gefällt es einigen Ikarioten nicht, dass hier FKK betrieben wird.

Tippi Zelt Mesakti Beach Ikaria_Platon Kiriazidis
leeres Tippi Zelt auf Mesakti Beach, Ikaria

Am anderen Ende des Strandes ist ein Tippi-Zelt aufgestellt aber leer. Auch einige Strandhütten aus Schilfsrohr sind aufgebaut. Sonst ist der Strand wie viele andere in Griechenland. Das Wasser sehr sauber und klar, aber jetzt nichts, was mich total fesselt. Ich habe aber viele schöne Strände in meinem Leben schon gesehen.

Komme in erste Gespräche mit den Ikarioten

Wieder an „meinem“ Café in Gialiskari treffe ich Makis. Er brachte mir den Wagen am Flughafen und arbeitet im Sommer bei der Autovermietung. Er ist 31, auf Ikaria aufgewachsen und lebt im Winter des Jobs wegen in Athen. Auf Ikaria gibt es für ausgebildete Jugendliche keine geeigneten Jobs sagt er mir.

Mit etwa 1000 Euro im Monat lebt man hier sehr gut, behauptet er weiter, aber man kämpft schon sehr um überhaupt 500 zu verdienen. Fast alle jungen Ikarioten wollen auf der Insel bleiben, mögen den Lebensalltag in Athen nicht, müssen aber wegziehen, des Jobs wegen.

Zum Thema Geld hat Makis eine klare Meinung: „es beruhigt, macht nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich.“ Ich berichte ihm, dass die Menschen durchaus auch Vorteile davon haben, wenn sie nicht völlig finanziell unabhängig sind. Sie brauchen dann mehr einander, helfen sich mehr gegenseitig und haben so ein innigeres Miteinander, was auch Glück geben kann. Er hört mir interessiert zu, aber wie er das sieht erfahre ich nicht. Ein Freund grüßt ihn und lenkt ihn ab.

Seychelles Beach

Landesinnere Berge von Ikaria_Platon Kiriazidis
Canyonartige Landschaften im Landesinneren von Ikaria

Später fahre ich durch das schroffe Landesinnere auf die Südseite der Insel. Mein Ziel: Seychelles Beach. Die Straßen dorthin sind teils sehr eng und gefährlich. Trotz großer Vorsicht und Durchschnittsgeschwindigkeit von nur 20km/h habe trotzdem beinahe zwei Unfälle unterwegs. Kurz vorm Ziel taucht auf einmal ein kleiner und unbeleuchteter Tunnel, beim Hineinfahren sehe ich trotz eingeschaltetem Licht nicht sehr viel.

Der Fussweg zu Seychelles Beach_Platon Kiriazidis
Der Fussweg zu Seychelles Beach führt über dieses Gelände

Erschöpft komme ich kurz danach auf einem Parkplatz oberhalb von Seychelles Beach an. Danach lege ich noch einen zehnminüten Fußweg durch felsiges und wildes Gelände zurück, schließlich noch ne kurze Klettereinlage und ich bin endlich da! Wunderschön, keine Frage! Das Wasser ist auch herrlich.

Seychelles Beach Ikaria_Platon Kiriazidis
Seychelles Beach Ikaria

Es gibt hier auch zwei Stände, die Getränke verkaufen. Der eine davon gehört offensichtlich der Reinkarnation von Alexis Sorbas. Er versprüht gute Laune und legt zu griechischen Bouzouki-Klängen ein paar Tanzeinlagen direkt am Strand hin. Für kurze Augenblicke wird das Griechenland der 70er Jahre wieder lebendig.

Alexis Sorbas Feeling, Seychelles Beach Ikaria_Platon Kiriazidis
Alexis Sorbas Feeling, Seychelles Beach Ikaria

Den anderen Stand, Barrock genannt, betreibt Sotiris. Er ist Mitte Vierzig, trägt einen ledernen Cowboyhut und verkauft auch Getränke und fertig gemixte Cocktails. Bei ihm läuft 70er Jahre Rock. Er ist Einheimischer und macht jetzt ab September selbst jeden Tag auch Urlaub hier, sagt er mir.

in der Mitte des Strandes: Barrock, Seychelles Beach Ikaria_Platon Kiriazidis
Kaum zu erkennen, aber der Fels in der Mitte des Strandes ist der Barrock

Im August hatte er allerdings richtig viel zu tun, denn der ganze Strand war voller durstiger Menschen und es war wie eine einzige große Party hier. Aber das sei besser als sein Leben zuvor als Skipper auf der Ägäis. Der Job als Skipper sei zwar auch schön, aber die Anspruchshaltung und das Benehmen vieler Kunden haben ihn im Laufe der Jahre erschöpft.

Seychelles Beach ist durch den Bauschutt beim Bau vom Tunnel entstanden_Platon Kiriazidis
Seychelles Beach ist durch Bauschutt beim Bau vom Tunnel entstanden

Nach einem schönen Bad und gründlicher Erholung beschließe an diesem Tag noch schön griechisch essen zu gehen, habe Sehnsucht nach Sommergemüse. In Nas (Dorf) entscheide ich mich für Thea ´s Restaurant. Besser hätte ich es nicht treffen können.

Bis kurz vor Sonnenuntergang habe ich tolle Gespräche mit ganz verschiedenen Meschen aus Europa und auch das Essen ist sehr lecker. Die ikariotische Gastfreundschaft ist hier sehr zuhause, ich fühlte mich direkt pudelwohl und sehr entspannt. Der anschließende Sonnenuntergang bei Nas Beach rundet diesen erlebnisreichen und schönen Tag ab.

Sonnenuntergang Nas Ikaria_Platon Kiriazidis
Der Sonnenuntergang bei Nas Ikaria bleibt im Gedächnis hängen

 

Meine These, weswegen hier die Menschen zusammenhalten

Berg auf Ikaria_Platon Kiriazidis
Es gibt kaum eine Ebene auf Ikaria

Auf dem Rückweg denke ich auf einmal, dass es neben der Tradition auch diese rauhe Insel ist – ja diese Lebensbedingungen es sind, die die Menschen hier prägen. Für Vieles braucht man hier 4 mal so lange aufgrund der gefährlichen Strassen. Dann noch die kahlen steilen schroffen Berge, der starke Wind und viel Regen im Winter.

Wenn Menschen zusammenhalten, können sie dann besser Leben, es besser “ertragen”, denke ich mir. Und: Zusammenfeiern festigt auch zusätzlich den Gemeinsinn.

Ob an dieser These etwas dran ist? Das kann ich dann vielleicht morgen feststellen. Es findet nämlich ein besonderes Panigiri auf dem höchsten Berg Ikarias (über 900m hoch) statt mit toller Aussicht über die gesamte Insel, so wurde mir erzählt.

Das Panigiri am Dach Ikarias

Der Weg zu Agios Stathis Panigiri Ikaria_Plton Kiriazidis
kurz vor Agios Stathis Panigiri  auf Ikaria

Gegen frühen Nachmittag breche ich zum Panigiri am Agios Stathis auf. Laut Navi soll es etwa 30 min dauern bis ich in etwa da bin. Aber nur bis Arethousa. Das letzte Stück Weg sollte es aber in sich haben.

Dafür brauche ich in etwa 50 weitere Minuten. Minuten voller Anspannung und höchster Konzentration, denn der enge Schotterweg ist voller großer Steine und der Abgrund immens.

Mehrmals denke ich daran, lieber umzudrehen, da mein kleiner Leihwagen für solche Bergwege nicht ausgelegt ist. Aber irgendetwas in mir will da hoch und ich folge diesem Gefühl.

Ich habe jedoch auch Glück und es kommen mir lediglich zwei Fahrzeuge entgegen an breiteren Passagen des Weges.

Aussicht bei Agios Stathis Panigiri_Platon Kiriazidis
Eine der Aussichten bei Agios Stathis Panigiri_Platon Kiriazidis

Oben angekommen ist es einzigartig. Die Aussichten sind fantastisch, die Wolken kommen mit dem starken Wind von unten nach oben den Berg entlang gesegelt und man kann sie förmlich anfassen.

Ganz unten kann man das Meer sehen und direkt über uns thront der Gipfel Ikarias. Mal mitten in der Sonne und dann plötzlich tanzen die Wolken um ihn herum. Zusammen mit den ganzen Festambiente und der Musik wirkt es wundervoll. Sowas habe ich noch nie gesehen.

Panigiri Agios Stathis Ikaria_Platon Kiriazidis
Panigiri Agios Stathis, direkt unterm Gipfel Ikarias wird zusammen getanzt

Am Dach von Ikaria haben sich in etwa 300 Leute hinaufgewagt, um ein Fest zusammen zu feiern. Es ist ein schönes, inniges Tanzfest. Ich finde schnell Kontakt, praktisch mit dem ersten Satz. Auch er heißt Nikos, kommt aus Patras und erzählt mir, dass er seine Rückreise wegen diesem Panigiri verschoben hat. Er ist froh darüber, das getan zu haben.

Später treffe ich noch Anna Avramidou, ihren Mann, Nikos Avramidis u ihre Gäste aus Deuschland.

Anna und Nikos sind vor ein paar Jahren von Deutschland nach Ikaria gezogen. Für Anna kam keine andere Region in Griechenlad dafür wirklich in Frage.

Bei Facebook verfolge ich schon seit längerem, dass sie ihre eigenen Klangtherapien-Seminare gibt. Die ganze Gruppe ist sehr gesellig und ich finde auch schnell einen Draht zu Nikos, dann auch zu Emily und ihrem Mann Peter.

 

Anna und Nikos Avramidis Avramidou Emioy und Peter Hess Ikaria_Platon KIriazidis
Gruppenbild Panigiri: Nikos und Anna sitzen rechts, neben mir ist Emily Hess und Peter Hess ist oben rechts

Die Stimmung ist trotz langer Wartezeit für das Essen heiter und wir lachen viel zusammen. Irgendwann stellt sich heraus, dass Peter der bekannte Peter Hess ist, der Entwickler der Klangtherapie nach Peter Hess. Ich wusste zwar, dass Anna nach seinen Methoden arbeitet und auch in seinen Instituten Seminare gibt, aber ich habe ihn einfach nicht hier vermutet.

Peter Hess und seine Frau Emily bieten auf Ikaria sogar Seminare an, Urlaubskurse.

Ich genieße es, solch zugängliche Leute hier auf Ikaria zu treffen. Auch nach dieser Überraschung ändert sich im Miteinander nichts. Leider kündigt sich aber nach ein paar Tänzen und Gläsern Wein die Nacht an und es wird Zeit aufzubrechen, denn sonst riskiere ich den Weg hinunter im Dunkeln zu befahren.

Ein weiteres mal offenbart Ikaria seine schroffe Schönheit erst dann, wenn man Mut beweist und etwas wagt. Ein Heldenepos, der mich erschöpft und gleichzeitig meine Grenzen erweitert.

Was macht Ikaria so anders?

Insgesamt fällt mir aber auf, dass viele Ikarioten gerne unter sich bleiben, dann aber sehr herzlich sind. Die Menschen sind einerseits zurückhaltend dann aber auch direkt und nicht so höflich, aber echt. Sie können einen im ersten Augenblick befremdlich vorkommen, vertragen aber eine klare Aussage gut.

Ich möchte eine kleine Situation schildern, die meiner Meinung nach, den Ikarianer gut beschreibt: in einer Patisserie begegne ich einem Paar aus Schweden wieder, mit dem ich Tage zuvor schon gute Unterhaltungen hatte.

Während wir im Laden stehen und uns unterhalten werden wir zwei mal von der Bedienung aufgefordert mal zur Seite zu gehen, denn sie möchte vorbei gehen. Das Verwunderliche daran?

Sie hat massig Platz an uns vorbei zu gehen, kostet sie nur zwei Schritte mehr. Kurz danach unterbricht sie mich noch mitten im Gespräch und fragt mich, ob ich denn etwas bestellen möchte. Ich sage entschieden, dass ich jetzt mich erstmal zu ende unterhalten möchte. Sie nimmt es ganz normal auf, ist nicht beleidigt. Das hat mir gut gefallen.

Nordwestküste Ikarias_Platon Kiriazidis
Ein Ausschnitt der Nordwestküste Ikarias

Ikaria ist die Insel der Gegensätze für mich. Ich habe in meinem Café ein tolles Gespräch mit Paris, der seit 10 Jahren mit seiner Frau auf Ikaria lebt. Für mich das bislang informativste und längste Gespräch bislang.

Paris schwärmt von der Insel, die ihm die Ruhe und Gelassenheit zurückgegeben hat, nach der er sich lange gesehnt hat. Hier kann man noch Mensch sein, man hilft sich gegenseitig, wo man kann, bleibt ganz entspannt und die Menschen achten einander, man kocht sogar oft für den Nachbar mit und Kriminalität gibt’s auch keine.

Er empfiehlt mir, unbedingt hier auf der Insel zu bleiben und Arbeit würde ich auch sofort kriegen, denn ich spreche ja 4 Sprachen und das kann hier sonst kaum einer.

Ermuntert und neugierig aufgrund dieser Aussagen frage ich nach dem Gespräch mit Paris bei der jungen Cafébesitzerin, ob sie auch der Meinung ist, dass man mit 4 Sprachen hier leicht Arbeit findet. Ihre Reaktion ist eher ablehnend.

Es gebe hier kaum Arbeit und wenn dann nur 1-2 Monate (Juli und August) auf Ikaria. Ihre etwas schroffe vorgetragene Antwort passt mal wieder gar nicht zu den Aussagen von Paris.

Ich erinnere mich sofort daran, dass die Frau von Paris Ikariotissa ist. Für ihn ist es wohl leichter in die Inselgesellschaft aufgenommen zu werden. Ich dagegen werde wohl, falls ich tatsächlich hierher ziehen und arbeiten möchte, eher als jemand angesehen, der sogar der Jugend von Ikaria die knappe Arbeit wegschnappt.

Hafen von Galiskari Ikaria Platon Kiriazidis
Hafen von Galiskari Ikaria, hier hat Sakis seine  kleine Taverne (nicht im Bild)

Wenig später bestätigt mich ein Gespräch mit Sakis in meiner Wahrnehmung. Er ist seit 17 Jahren auf der Insel,  die letzen 10 davon betreibt er nun eine eigene kleine Taverne direkt am kleinen Hafen von Gialiskari. Er kann gerade so davon leben.

Die Ikarioten hätten ihn, solange er in Athen gelebt und hier nur gekellnert hat, gut behandelt. Seitdem er jedoch seine eigene Taverne aufgemacht hat, ist er so gut wie isoliert.

Das liege daran, dass er sehr viel arbeitet , aber auch daran, dass ER den Betrieb der Taverne übernommen hat und nicht die übrigen vier ikariotischen Interessenten. Er wird seitdem von den Einheimischen nicht empfohlen und macht seinen Umsatz eher mit Yoga-Gruppen aus Europa, die zu ihm Essen kommen.

Leute, die Touristen auf die Insel bringen, werden sehr gut behandelt, behauptet er. Hier wäre es optimal für Sommerseminare, vor allem Ende Mai und ab Mitte September.

Sakis ist trotz allem, was vorgefallen ist der Meinung, dass die Ikarioten vor allem eins seien: Sehr gute Menschen. Widersprüche, wo ich hinschaue. Aber irgendwie findet jeder irgendetwas an den Ikarioten.

Mein Fazit:

Felsen Meer in Ikaria_Platon KIriazidis
Ikaria ist weder wunderschön noch hässlich. An sich ist es das einfache Leben der Menschen, das Ikaria besonders macht

Die Insel der Gegensätze. bis zum letzten Tag meiner Reise ist es so. Ich kann es nicht ganz greifen, dieses Ikaria.

Ich habe das Gefühl, dass die Ikarioten jetzt erst so langsam ihren üblichen Rhythmus wiederfinden nach einem Sommer mit den meisten Touristen jemals.

Ikaria boomt.

Fast die gesamte Nordwestküste soll voller geparkter Autos gewesen sein. Die Strassen sind an sich schon sehr eng. Eine Tortur sei es gewesen sein, sagen mir viele Ikarioten.

Außer in Nas treffe ich kaum Ikarioten, die mit soviel Tourismus umgehen können. Die sehr knappe Tourismus-Saison von Mitte Juli und August soll die notwendigen Einnahmen bringen, um den Rest des Jahres hinzukommen. Da es hier kaum andere regelmäßige Einnahmequellen gibt, ist der Tourismus willkommen.

enge Strassen, aufwendiger Strassenbau und Instandhaltung. Es ist sehr aufwendig IIkaria zu einem Touristenmagnet umzugestalten

Auf Ikaria wird gerade viel gebaut, Hotels errichtet. Die Nordwestseite soll den wachsenden Touristenstrom beherbergen und gefallen. Das wird sicherlich gelingen, denn die Jugend von Ikaria spricht gut englisch. Die meisten von Ihnen leben zwar hauptsächlich in Athen, kommen aber im Sommer immer wieder zurück, weil es dann hier auch genug Arbeit gebe.

Vier Flieger bringen jeden Tag an die 300 Touristen auf die Insel in der Hauptsaison, dann noch die Menschen und ihre Autos von den Schiffen. Mit den wachsenden Touristenzahlen wird es auch für viele jungen Ikarioten möglich sein, ganzjährig auf der Insel zu bleiben. Viele von Ihnen lernen bereits entsprechende Berufe, um den Familienbetrieb der Eltern übernehmen zu können.

Aber mit mehr Geld kommen oft auch Begehrlichkeiten und Eitelkeiten auf, die den Gemeinsinn der Ikarioten beeinflussen können. Ich wünsche den Ikarioten, dass das Ihnen erspart bleibt und dass sie weiterhin ihr schroffes Paradies gemeinsam genießen können.

Ich habe bis zum Schluß tolle Menschen kennengelernt, wenn auch mehr die Zugezogenen aus Athen, Thessaloniki usw. Die leben hier richtig glücklich, wenn sie eine Arbeit gefunden haben. Einheimische habe ich in den 9 Tagen hier nicht richtig gut kennen lernen können, dazu braucht es dann doch mehr Zeit. Aber irgendetwas scheint er zu haben, dieser ehemals verschlafene Riesenfels mitten in der Ägäis.

Aussicht auf Nas Ikaria, der für mich schönste Ort Ikarias

 

Als nächstes geht ´s für mich über Athen nach Kreta. Dort geht ´s vor allem darum, ob ich mir ein Leben dort vorstellen kann auf Dauer und ob ich Seminarorte für Mai und Oktober finden kann.

Ich möchte es ein wenig so angehen, wie es mir mein Freund, Andreas Ebel, geschrieben hat. Sei einfach da und der Seminarort findet dich, nicht umgekehrt.

Ich glaube, um das zu verinnerlichen war Ikaria eine gute Zwischenstation. Ich bin gespannt, was das Leben auf Kreta für mich  bereit hält.

Eine Antwort auf „Ikaria – Sehnsuchtsmagnet der Seele“

  1. Die Insel der Gegensätze, perfekt für Entschleunigung und Entspannung auf die einfache, ursprüngliche Art. Danke für diese tollen, detaillierten Einblicke. Ich hoffe dennoch irgendwie Du ziehst letztlich woanders hin 😉 … wenngleich ich mir vor allem den Seychellen Strand gerne mal anschauen und in die türkis leuchtenden Wellen springen würde 😉

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