Chania – eine Boomstadt mit Charme

Kreta soll die letzte Station meiner diesjährigen Griechenland-Reise sein. Zuvor war ich auf Katerini, Chalkidiki, Skopelos und Ikaria (siehe vergangene Reiseberichte auf meinem Blog). Meine Absicht war es gewesen, der gemässigten Sommer-Hitze zu folgen und nach geeignenten Seminarorten zu schauen.

Der Sommer ist Ende September noch lange nicht vorbei auf Kreta_Platon Kiriazidis
Der Sommer ist Ende September noch lange nicht vorbei auf Kreta_Platon Kiriazidis

Ausserdem habe ich auch tief in Inneren, den Wunsch einen Ort zu finden, wo ich mich niederlassen möchte. Werde ich den auf Kreta begegnen? Kreta bringt „auf dem Papier“ einiges mit, was mir gut gefällt: Viele Sonnenmonate, tolle Strände und Natur. Aber werde ich mich auch menschlich wohlfühlen und die entsprechende Infrastruktur vor Ort finden?

Meine Anreise nach Chania

leuchtturm und Hafen von Chania_Platon Kiriazidis
Leuchtturm und Hafen von Chania

Schon während meiner Anreise von Ikaria nach Chania lerne ich Thassos und seine Frau kennen. Sie betrieben bis letzten Oktobet selbst ein Hotel in Rethimno auf Kreta. Die jahrelange stressige Arbeit habe sie erschöpft, aber auf Ikaria hätten sich erholt und gelernt, alles etwas ruhiger und gelassener anzugehen.

Ihr Hotel haben sie verkauft und legen seitdem erstmal eine Pause ein.
Ihr Wohnort, Rethimno, liegt etwa 1 Autostunde östlich von Chania. Sie kennen sich auf Kreta anscheinend gut aus und verraten mir gerne ihre Lieblingsorte.
Wie schön sich das alles ganz von alleine mal wieder gefügt hat, denke ich mir.

Ich hätte sonst stundenlang recherchieren dürfen und ob ich diese Ziele überhaupt gefunden hätte? Ich bin Ihnen sehr dankbar und habe mich mit Ihnen verabredet, sobald ich in Rethimno vorbeikomme.

 

Eine Gasse in der Altstadt von Chania_platon Kiriazidis
Eine Gasse in der Altstadt von Chania

Nach meiner Ankunft auf Chania Airport nehme ich den Ktel-Bus (Öffentlicher Fernverkehr in Griechenland) nach Chania Stadt. Die halbstündige Fahrt kostet mich nur 2,5 € und ich erhalte kostenlos dazu einen ersten Einblick in das derzeitige Leben der Chanioten.
Ich bin nämlich der einzige Fahrgast um 21:30 und kann mich mit Manolis, dem Fahrer unterhalten.

Manolis ist verärgert über seine und die Arbeitsbedingungen überhaupt in Chania, er fühlt sich ausgebeutet. Es mache für ihn keinen Sinn, immer mehr und mehr zu arbeiten und nichts davon finanziell zu haben, sagte er direkt als ich ihn frage, wie es ihm geht.

Lieber möchte er zurück kehren zu seinem Dorf und ein einfacheres Leben führen. „Wir sollten auf den massenhaften Billigtourismus verzichten”, sagt er mir erregt, “die Kreuzfahrttouristen halten in Chania kurz an, kaufen eine Flasche Wasser und zischen wieder ab. Es bleibe nichts hier ausser noch mehr Arbeit für das gleiche Geld.“ Er „kocht“ und seine Stimme ist wütend.

Kurz später hält er mitten auf einer Hauptstraße der Außenbezirke Chanias an, huppt . Ein Mann mit einer Tüte rennt von der Grilltaverne gegenüber zum Bus und überreicht ihm sein Take Away-Souvlaki. Sie unterhalten sich ganz kurz und lachen beide. Dann fährt Manolis weiter. Solche Situationen kenne ich gut aus Griechenland und ich mag es, wenn es „menschelt“.

Ich verstehe aber nun seinen Ärger nicht ganz und frage nach, welche Auswirkungen der Billigtourismus auf seinen Job als Busfahrer hat. Er setzt gerade an, will antworten, aber es kommt ein Anruf dazwischen und ist bis zur Ankunft beim KTEL in Chania City offensichtlich mit einem Arbeitskollegen am Quatschen.

Meine ersten Eindrücke von Chania

die Altstadt von Chania hat sehr viel Charme_Platon Kiriazidis
die Altstadt von Chania hat sehr viel Charme

 

Was mir als Erstes auffällt ist das milde warme Klima, die vollen Gassen in einer wunderschönen Altstadt. Die ganze Stadt scheint draußen zu sein, darunter viele Touristen.

Ich falle da mit meinem Rollkoffer kaum auf und die Chanioten helfen mir bereitwillig bei der Suche nach meinem gemieteten Zimmer in den unübersichtlichen Gassen der Altstadt. Sie sind wirklich sehr hilfsbereit hier, das ist richtig fühlbar.

Die Altstadt von Chania ist noch schöner als ich es erwartet habe. Die Häuser und Gäßchen versprühen einen charmanten Mix aus Venedig, Arabischen Einflüssen und einem Piratendorf. Es ist auch Ende September noch voller Touristen, im Juli oder August möchte ich nicht hier sein.

Bei meinem ersten Spaziergang fällt mir sofort das Fagotto Café auf. Es sieht noch älter und irgendwie interessanter aus als andere Cafés. Es liegt ganz nordwestlich in der Altstadt. Ich möchte hier frühstücken und die Infos, die mir Thassos und seine Frau gegeben haben, zu einer Route zusammenfügen.

Die Jazzbar am Ende der Altstadt

Das Fagotto Café - ein besonderes in ganz Griechenland_Platon Kiriazidis
Das Fagotto Café – ein besonderes in ganz Griechenland

Dazu komme ich jedoch kaum, denn ich erfahre von der Bedienung, Georgia, dass es sich hier, um das erste Jazzcafé ganz Griechenlands handelt. Es wurde schon 1978 eröffnet, zu einer Zeit zu der Chania noch nicht so touristisch gewesen sei. Mittlerweile fängt die Saison schon „volle Pulle“ direkt am ersten April an und geht bis Ende Oktober.

Fagotto Innen - es finden noch oft Live-Jazzkonzerte hier statt_Platon Kiriazidis
Fagotto Café innen – es finden noch oft Live-Jazzkonzerte hier statt

Die vielen Touristen treiben aber auch die Mietpreise massiv an, erzählt mir Georgia weiter. Mittlerweile bezahle man für eine 2-Zimmer-40qm-Wohnung min 400 Euro (das ist sehr teuer in Griechenland) und die Verträge gelten oft nur von November bis März. Die Saison über wird über Airbnb an Touristen vermietet.

Das verursacht enorme Probleme für die all diejenigen, die im Tourismusbereich bei Chania arbeiten, denn die finden kaum einmal eine bezahlbare Wohnung. Viele Hotels und Betriebe suchen händeringend Leute, bezahlen aber nicht so gut und nehmen jeden, der verfügbar sei. Diese arbeiten aber oft für zwei und werden für die Mehrarbeit nicht belohnt. Ich fange langsam an, den Busfahrer Manolis, besser zu verstehen.

Georgia hat vor drei Jahren ihr Mathematik-Studium beendet, arbeitet aber seitdem in zwei Bars, um ihren Lebensunterhalt auf Chania zu verdienen. Sie arbeitet ein halbes Jahr so intensiv, damit sie das andere halbe Jahr davon leben kann. Sie versucht zwar im Winter als Mathematikerin einen Job zu finden, aber ihre Hoffnung darauf wird immer geringer.

Die Ostküste von Chania neben der Altsstadt_Platon Kiriazidis
Die Ostküste von Chania neben der Altsstadt – Baden möglich!

Ich würde mit meinen vier Sprachen sofort einen besser bezahlten Job finden, gleich noch heute, wenn ich möchte. Aber ich möchte noch nicht und belasse es dabei. Ich möchte zunächst einmal Chania auskundschaften, fühle mich hier aber gleich sehr wohl – auch wenn es mir Ende September bei 30 Grad schon fast zu warm sei.

Tabakaria District – Sonnenuntergangsmekka

Tabakaria ist eine perle, die aber schon entdeckt worden ist_Platon Kiriazidis
Tabakaria  ist eine kleine versteckte Perle von Chania, aber schon entdeckt

Georgia hat mir noch ihren Lieblingsort auf Chania verraten. Immer der Küste entlang Richtung Osten, etwa eine halbe Stunde zu Fuss, hat sie mir gesagt.

Als ich nachmittags dort ankomme, sehe ich ein anderes „Gesicht“ Chanias als das der Altstadt. Einige verfallene Fabrikgebäude direkt an der Küste, dahinter einige schöne Villen und dann erst die üblichen quadtratischen Mehrfamiliengebäude aus Griechenland.

Ich kann noch nicht entdecken, was Georgia daran mag. Aber sie hat auch betont, dass ich erst zum Sonnenuntergang dahin soll. Ich habe also noch Zeit und gehe noch vorher in ein offensichtlich familiengeführtes kleines Restaurant etwas essen. Mom ´s kitchen oder I Kouzina tis Mammas auf griechisch.

 

Küstennahe Ansicht des Tabakaria District_Platon Kiriazidis
Küstennahe Ansicht von Tabakaria/Chania, bei Sonnenuntergang entfaltet sich sein Charme

 

Es berührt mich zu sehen und zu spüren, wie diese Dreigenerationen-Familie miteinander umgeht. Oma, Mamma (Helena), Tante, erwachsener Sohn. Sie necken und umarmen sich ständig, sie stacheln sich gegenseitig an und sie stehen sich bei.

Mamma Helena erzählt mir, dass die Familie ihr Lebensmittelpunkt ist und als Mamma kocht sie gerne für alle. Das komme auch der Kundschaft zugute, das Geldverdienen stünde hintendran. Das merke ich mit jedem Bissen. Sehr lecker.

Es fällt mir auf, dass einige am Restaurant vorbeifahrenden Autos ihre Geschwindigkeit drosseln und huppen oder knapp „alles gut?“ beim Vorbeifahren fragen. Helena und ihre Familie hat es offenbar geschafft „ihre Familie“ um ihre Kundschaft zu erweitern. Ich komme auch gerne wieder.

Der Sonnenuntergang an der Tabakaria

Ein toller Ort, um den Sonnenuntergang zu genießen_Platon Kiriazidis
Es ist noch ein ruhiger Ort, um den Sonnenuntergang bei Chania zu genießen

Knapp vor Sonnenuntergang begebe ich mich nun wieder mehr Richtung Küste, sehe wie vier alte Damen auf einer Bank sitzen und sich unterhalten und entdecke knapp dahinter einen kleinen Weg, der zu einem Fischrestaurant führt. Als ich dort ankomme, spüre ich sofort, was Georgia an diesem Platz findet.

Ich schaue mich ein wenig um und entdecke dass hier viel renoviert wird und einige Häuser schon fertig sind. Das macht mich neugierig und ich frage einen vorbeilaufenden Sportler, ob er wüßte, ob es Wohnungen oder Hotels werden.

Er ist wohl Chaniote und meint knapp „leider Hotels. Wohnungen werden auch renoviert, alles Airbnbs.“ Er schaut mich unglücklich an und fügt schliesslich noch hinzu: „Für uns bleibt nichts. Wir wollen nicht, dass unsere Mieten auch steigen“.

 

Ein Anblick, der viele weitere Touristen nach Chania locken soll_Platon Kiriazidis
Ein Anblick, der viele weitere Touristen nach Chania locken soll

Chania bietet viel Lebensqualität und ist wohl am boomen, aber anscheinend profitiert nicht jeder Chaniote davon.

Das Orizon Center bei Kalami

Am Strand von Kalyves, direkt neben Kalami Beach, bin ich verabredet_Platon Kiriazidis
Am Strand von Kalyves, direkt neben Kalami Beach, nehme ich ein Bad vor der Verabredung

Am nächsten Tag bin ich abends verabredet mit Maite. Ein guter Freund hat den Kontakt ermöglicht. Sie kommt ursprünglich aus Baden-Wüttemberg, hat aber lange in der Nähe von Luxemburg gelebt und ist vor über 10 Jahren nach Kreta ausgewandert.

Als ihr Erspartes auf Kreta ausgegangen sei, war es für sie vor einigen Jahren schwierig Fuß auf Kreta zu fassen, sagt sie mir. Sie habe es nur aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und ihrer zahlreichen Kontakten es überhaupt geschafft und ist immer noch stark am „kämpfen“.

Kreta sei zwar toll aber sie ist davon überzeugt dass man mehrere Standbeine haben muss, um hier finanziell über die Runden zu kommen. Ich höre ihr interessiert zu, denn Chania gefällt mir wirklich gut.

Als ich hier von meinen Seminarplänen erzähle, hat sie gleich eine Idee und keine Stunde später sind wie auch schon verabredet mit Ingrid, der Besitzerin eines Seminarzentrums ganz in der Nähe von Chania, bei Kalami. Als wir dort ankommen ist es jedoch zu dunkel zum Fotografieren.

Ihr Seminarzentrum, Orizon, liegt weit oben auf einem Hang, hat einen tollen Meerblick zu bieten und mehrere schöne Seminarräume und Gästezimmer. Jedoch liegt es nah an einer Hauptverkehrstrasse nach Chania, das stört mich.

Sonst sind die Bedingungen wirklich optimal, denn es gibt sogar einen kleinen Privatstrand, einen Pool und richtig gutes Essen, das dort vor Ort frisch zubereitet wird. Zudem sind Ingrid und Ihr Mann ganz herzliche Gastgeber, die jeden sofort ein gutes Gefühl vermitteln.

Sonnenuntergang im Hafen von Chania_Platon Kiriazidis
Ein Sonnenuntergang Ende September im Hafen von Chania

Ich genieße den schönen Abend in dieser schönen Athosphäre und beschliesse, mich nicht zu entscheiden sondern die restliche Kreta-Reise auf mich zukommen zu lassen und mein Gefühl sprechen zu lassen.

ich entdecke ab morgen dann die Westseite Kretas_Platon Kiriazidis
Ende September ist noch lange kein Ende der Saison in Chania

Ab morgen früh will ich dann den Westen und dann den Süden Kretas auskundschaften auf der Suche nach einem Seminarort. Wie werde ich über Chania in einigen Tagen fühlen? Ist es der Ort für mich, wo ich mich niederlassen möchte in der Zukunft?

Eine Antwort auf „Chania – eine Boomstadt mit Charme“

  1. Chania hat mehr Charme, als ich mir vorgestellt habe. Kreta verbinde auch ich mit Massen- und überwiegend erschwinglichem Tourismus, was in der Kombi „nicht mein Ding“ ist. Sieht sehr nett aus, aber die kleineren Inseln, über die Du berichtet hast, klingen noch besser – ursprünglicher, natürlich schön. Genieße die verbleibende Zeit und bis bald in Luxemburg 🙏🏼♥️

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